Sport gegen Gewalt

Hamburger Abendblatt 2002

Abendblattserie Jugendsport

 

Powern statt prügeln Im Verein Sport gegen Gewalt lernen Jugendliche ihre Kraft sinnvoll einzusetzenVon ACHIM LEONI Für einen 17-Jährigen hat Marco schon einiges auf dem Kerbholz. Diebstahl, Einbruch, Autos knacken - überall schon dabei gewesen. Aber das liegt lange zurück. Eine Ewigkeit. Zumindest kommt es ihm heute so vor.

"Klauen bringts einfach nicht", sagt Marco. Warum er sich trotzdem darauf eingelassen hat, weiß er selbst nicht mehr so genau. Habgier, Mutprobe, Langeweile - ein bisschen von allem. Zum Glück sind viele von seiner alten Clique aus Jenfeld weggezogen. "Ich hänge jetzt mit anderen Leuten rum", erzählt Marco. Einen Job hat er zwar nicht, aber wenigstens wieder eine Perspektive: den Hauptschulabschluss nachmachen und dann einen Beruf anfangen, irgendwas mit Maler oder Lackierer. Es ist Donnerstagnachmittag. Früher hätte Marco jetzt im Einkaufszentrum (EKZ) Jenfeld abgehangen und wäre auf dumme Gedanken gekommen. Heute liegt er auf dem Boden einer Schulturnhalle und ist so ausgepowert, dass ihm gar nicht mehr nach Denken zu Mute ist. Schuld daran ist Fahim Yusufzai. Den kennt Marco noch vom EKZ. Früher arbeitete Yusufzai dort im Sicherheitsdienst. "Wenn die Jungs geklaut haben oder die Wände beschmiert, war ich zur Stelle", erzählt der 29-Jährige. Aber anstatt die Rabauken zur Polizei zu schleppen, lud er sie irgendwann zum Taekwondotraining ein. "Was den Jugendlichen hier am meisten fehlt, sind Angebote", weiß Yusufzai, der in Jenfeld lebt, seit er im Alter von acht Jahren von Afghanistan nach Hamburg kam. Seine Erkenntnis: "Hausverbote helfen nicht. Es geht vor allem darum vorzubeugen." Im Haus der Jugend war er bereits als Taekwondotrainer tätig, als er sich vor sechs Jahren entschloss, mit dem Verein Sport gegen Gewalt einen eigenen Club zu gründen. Anfangs wurde nach Geschäftsschluss in der Ladenpassage trainiert. "Der Boden war für Taekwondo viel zu hart, aber wir haben keine Hallenzeiten bekommen", erinnert sich Yusufzai. Inzwischen kann er mittwochs und freitags die Räume einer Grundschule nutzen, donnerstags gibt er in einer benachbarten Turnhalle Boxunterricht. An Kundschaft mangelt es nicht. Rund 600 mehr oder weniger auffällige Jugendliche hat Yusufzai seit 1994 mit der koreanischen Kampfkunst vertraut gemacht. Und dazu gehört mehr als Hauen und Treten. "Was bedeutet Taekwondo?", fragt Fahim in die Runde. "Macht ihr das, um euch zu schlagen auf der Straße?" - "Nein", antwortet es im Chor. - "Um Disziplin zu lernen?" - "Ja." - "Auch in der Schule?" - "Ja." - "Sauberkeit?" - "Ja." - "Dann will ich jetzt eure Fingernägel kontrollieren." Die Jugendlichen spuren, ohne zu mucken. "Fahim ist ein guter Trainer, der schreit nicht so viel rum", findet Jimbo. Der Zwölfjährige ist zwar erst seit drei Wochen dabei, hat aber Großes vor. "Ich möchte so stark und breit werden wie Mike Tyson", kichert er. Mit den Fäusten komme man als Jugendlicher in Jenfeld eben manchmal weiter. "Wenn du nicht auf die Fresse kriegen willst, musst du selbst hauen", sagt Jimbo. Kloppen tut er sich trotzdem nicht mehr - schließlich heißt der Verein Sport gegen Gewalt. Viele Jugendliche lernen erst beim Training, dass man seine Kraft auch sinnvoll einsetzen kann. Mit Erfolg: "Wir haben einen deutlichen Rückgang der Gewalttaten im EKZ zu verzeichnen", bestätigt Center-Managerin Ursula Reckmann. Für Fahim Yusufzai nur ein Nebenaspekt. "Das Wichtigste ist, dass man sich gegenseitig vertraut", sagt er. Dann bilden alle einen Kreis und fassen sich an den Händen. "Wisst ihr, was das bedeutet?", fragt Yusufzai. "Wir sind alle ein Team." Förderer gesucht Der Verein Sport gegen Gewalt benötigt dringend zusätzliche Hallenzeiten in Jenfeld sowie finanzielle Mittel für Sportbekleidung und -ausrüstung der Jugendlichen . Wer den Club unterstützen möchte, kann einen der folgenden Sachspenden prominenter Sportler ersteigern: Ein handsigniertes FC-Bayern-Trikot von Lothar Matthäus Ein handsigniertes T-Shirt von Tenniskönigin Steffi Graf Ein handsigniertes größeres Foto von Ferrari-Star Michael Schumacher Einen Fußball mit den Autogrammen aller Stars des deutschen Fußballmeisters FC Bayern MünchenGebote bitte unter der Faxnummer 0 40/X XX XX XX. Der Initiator Fahim Yusufzai plant, sein Projekt auf andere soziale Brennpunkte in Hamburg auszuweiten. Dafür werden noch interessierte Träger gesucht. Weitere Informationen unter Telefon 01 73/X XX XX XX. Auch passive Mitglieder sind im Verein Sport gegen Gewalt herzlich willkommen. Der Jahresbeitrag beträgt 15 Mark.